Fragebogen

Mutter-Kind-Behandlung
aus fachlicher Sicht

Das Mutter-Kind-Projekt
aus fachlicher Sicht

Therapieablauf unter stationären Behandlungsbedingungen.

In unserer Mutter-Kind-Einheit am Psychiatrischen Zentrum Nordbaden in Wiesloch (Station 43 des PZN) wurde ein interaktionales Therapieprogramm für die stationäre Therapie psychisch kranker Mütter entwickelt, die gemeinsam mit ihren Kindern (im Alter von 0 – 24 Monaten) bei uns aufgenommen werden. Das Programm wird seit dem Jahr 2000 erfolgreich durchgeführt. Es ist klinischen Behandlungsbedingungen angepasst. In einem niederschwelligen, halboffenen Setting werden Patientinnen mit unterschiedlichen Diagnosen gleichzeitig aufgenommen.

Wissenschaftlicher Hintergrund.

Zur stationären Behandlung nehmen wir auch Frauen mit schweren und therapieresistenten Erkrankungen oder mit Persönlichkeitsstörungen, sowie jugendliche psychiatrisch behandlungsbedürftige Mütter mit psychosozialen Belastungen auf.

Die Indikation zur Aufnahme in das Therapiezentrum sind objektivierbare Störungen der mütterlichen Kompetenzen und der frühen Mutter-Kind-Beziehung oder subjektiv erlebte Defizite in der Beziehung zum Kind sowie negativen Kognitionen, Schuld- und Insuffizienzgefühle, die die Mutterrolle betreffen.

Die Aufnahme-Indikation.

  • Psychische Erkrankung der Mutter in der Peripartalzeit (ICD-10: F2, F3, F4, F6)
  • Alter des Kindes: unmittelbar nach der Geburt bis zu 24 Monaten
  • Subjektive bzw. objektive Schwierigkeiten in der Mutter-Kind-Beziehung
  • Therapiemotivation

Das Programm setzt sich aus fünf Therapiemodulen zusammen:

  • Psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlung der Mutter
  • Verhaltenstherapeutische Müttergruppe
  • Videogestützte Einzelpsychotherapie der Mutter-Kind-Beziehung
  • Unterstützung der Mutter-Kind-Beziehung im Alltag
  • Arbeit mit Vätern und Angehörigen
Ärztin am Schreibtisch

1. Modul:

Psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlung der Mutter.

Eine medikamentöse Behandlung ist bei vielen postpartalen psychischen Erkrankungen indiziert. Sie führt oft am schnellsten zu einer Besserung der Beschwerden, z.B. von Schlafstörungen, Angst und Unruhe. Die Vor- und Nachteile des Stillens unter Einnahme von Medikamenten werden ausführlich mit Mutter und Vater besprochen und gemeinsam eine Entscheidung getroffen. Psychotherapeutische Einzelgespräche sind Alternativen oder Ergänzungen zur Pharmakotherapie.

Müttergruppe

2. Modul:

Verhaltenstherapeutische Müttergruppe (10 Sitzungen à 2 x 60 Minuten/Woche).

In einem halboffenen Setting werden die folgenden zehn Themen bearbeitet:

Rollenbilder, Wahrnehmung positiver Gefühle, Stressfaktoren, Stressbewältigungsstrategien, Krisenmanagement, Wecken der Neugierde an der Beobachtung des Kindes wecken, Bedeutung der beschreibenden Sprache, Echo auf kindliche Signalen geben, Beruhigungstechniken, "Führen und Folgen" in der Interaktion.

Diese Themen basieren auf interpersonellen und kognitiv-behavioralen Theorien zur Depressionsentstehung und –bewältigung, sowie auf dem Vulnerabilitäts-Stress-Modell schizophrener Störungen. Sie wurden an die spezifische Situation einer Frau in der frühen Mutterschaft angepasst.

Die Grundlage der entwicklungspsychologischen Themen sind Konzepte der Feinfühligkeit, der intuitiven elterlichen Kompetenzen, der Affekt- und Lautspiegelung zur Unterstützung der Aufmerksamkeitsentwicklung, der Affektregulation und des natürlichen Explorationsbedürfnisses des Kindes.

Die Themen der einzelnen Stunden bauen nicht aufeinander auf, überlappen sich jedoch durch themenbezogene Übungen. Dabei hat sich eine Gruppengröße von 5-8 Teilnehmerinnen bewährt.

Therapieleitfaden (Bestellformular, PDF)

Mütter bei der videogestützten Therapie

3. Modul:

Videogestützte Einzelpsychotherapie der Mutter-Kind-Beziehung (je nach Indikation 50 Minuten/Woche).

Eine videomikroanalytische Therapie nach Downing und anhand einer zehnminütigen Videoaufzeichnung mit signifikanten Momenten der Mutter-Kind-Interaktion in Alltagssituationen. Diese Therapie betont die trotz der Erkrankung noch vorhandenen Ressourcen der Mutter in der Interaktion mit ihrem Kind und nutzt diese zum Aufbau mütterlicher Kompetenzen im emotionalen Austausch mit dem Baby. Die Therapie ist auch für die Behandlung schwer erkrankter Mütter gut geeignet, da durch das Medium Bild ein unmittelbarer emotionaler Zugang gelingt. Ebenso können durch die Visualisierung auch kognitive Störungen und Wahrnehmungsbeeinträchtigungen teilweise kompensiert werden. Das Medium Bild entspricht besonders der Lebenswirklichkeit jugendlicher Mütter. Über das Medium Bild wird das Autonomiebedürfnis und die Kritikempfindlichkeit in der therapeutischen Beziehung respektiert.

Baby wird gefüttert

4. Modul:

Unterstützung der Mutter-Kind-Beziehung im Alltag.

Die mit den genannten entwicklungspsychologischen Konzepten vertrauten Erzieherinnen und das Pflegeteam unterstützen die Mutter bei der alltäglichen Versorgung des Kindes und bei der Babymassage. Positive mütterliche Verhaltensweisen werden bestätigt, auf kindliche Signale wird aufmerksam gemacht und der Mutter geholfen, diese adäquat zu interpretieren und darauf zu reagieren – z.B. mit Übungen von Beruhigungstechniken. Das Team fungiert als Modell für die Mutter. Der Körperkontakt bei der Babymassage fördert mütterliche Sensitivität und emotionale Beziehung zum Kind.

im Gespräch mit dem Vater

5. Modul:

Arbeit mit Vätern und Angehörigen.

Die Arbeit mit Vätern und Angehörigen erfolgt in Paargesprächen. Und darüberhinaus in einer Gruppensitzung. In der psychoedukativen Gruppe werden die entwicklungspsychologischen Inhalte analog zur verhaltenstherapeutischen Müttergruppe mit den Vätern und Angehörigen besprochen. Weitere Themen sind die Vermittlung eines adäquaten Krankheitsmodells, die emotionale Entlastung der Väter sowie die Förderung von Ressourcen, die nach der stationären Behandlung eine Entlastung für die Familie darstellen können und die Paarbeziehung unterstützen. Diese Themen werden in einem Paargespräch vor der Entlassung vertieft.

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